Viele von uns kennen Menschen, die bereits Gewalt erlebt haben. Die in ihren Beziehungen kontrolliert, abgewertet oder verletzt wurden. Aber kaum jemand kennt – zumindest auf den ersten Blick – eine Person, die Gewalt ausübt. Wie kann das sein?
Es fällt schwer zu glauben, dass jemand aus dem eigenen Freundeskreis, der Familie oder dem Arbeitsumfeld übergriffig oder gewalttätig sein könnte. Vielleicht weil viele von uns ein einseitiges Bild im Kopf haben: Gewaltausübende Personen sind laute, wütende und gefährliche Fremde – und Gewalt ist vor allem körperlich.
Doch das greift zu kurz.
Gewalt findet viel näher statt, als wir denken. Sie wird von Menschen aus allen Altersgruppen, sozialen Schichten und Hintergründen ausgeübt. Statistisch gesehen sind es jedoch mehrheitlich Männer, die gewalttätig werden.
Gewalt beginnt bereits mit Kontrolle, ständiger Kritik, emotionalem Druck oder abwertenden Kommentaren [Link: Gewaltformen]. Und genau darin liegt das Problem: Diese Formen werden noch immer viel zu häufig übersehen, verharmlost oder entschuldigt.
Zum Beispiel:
- Abwertende oder verletzende Bemerkungen über die Partnerin oder den Partner.
- Wutausbrüche oder aggressives Verhalten, wenn Dinge nicht nach dem eigenen Willen laufen.
- Versuche, die Partnerin oder den Partner von Freund:innen und Familie zu isolieren.
- Entscheidungen werden allein getroffen, ohne Mitsprache der anderen Person.
- Die Partnerin oder der Partner wird oft kritisiert, kleingeredet oder lächerlich gemacht.
- Grenzen werden nicht respektiert oder absichtlich überschritten.
- Eifersucht und Kontrolle werden als «Liebe» verkauft.
- Sexistische Sprüche oder frauenfeindliche Witze werden als «Humor» verpackt.
Viele dieser Verhaltensweisen sind bereits Formen emotionaler Gewalt, andere können erste Anzeichen dafür sein. In jedem Fall sind es Situationen, in denen wir hellhörig werden sollten. Genau hier kann das Umfeld aufmerksam hinschauen und handeln.
Was kannst du tun?
- Wachsam sein: Wenn dir etwas auffällig oder komisch vorkommt, nimm es ernst und sprich es an. Schweigen schützt nicht die Betroffenen, sondern die Täter:innen.
- Haltung zeigen: Sage Nein zu sexistischen, abwertenden oder gewaltverharmlosenden Kommentaren. Mach deine Freund:innen aufmerksam, wenn sie respektlose Witze machen oder Grenzen überschreiten. Besonders unter Männern kann es einen Unterschied machen, wenn man sich gegenseitig darauf hinweist – denn oft hören Männer eher auf andere Männer.
- Gespräch ermöglichen: Hör zu, wenn jemand reden möchte, ohne zu drängen.
- Unterstützen: Informiere dich über Hilfsangebote und gib sie weiter. Hol dir selbst Rat, wenn du unsicher bist.
- Im Notfall handeln: Wähle bei akuten Situationen die 117 (Polizei) oder 144 (medizinischer Notfall).
Dein Handeln zählt. Zivilcourage beginnt auch im Kleinen – mit einem offenen Ohr, einer klaren Haltung oder einem einfachen Satz wie: «Das ist nicht okay.»