Wirtschaftlich, digital, emotional, körperlich oder sexualisiert – Gewalt kann viele Formen annehmen. Verletzend ist sie immer. Und sie ist nie gerechtfertigt.
Wenn du kontrollierst, (digital) überwachst, Freundschaften verbietest, mit Worten verletzt, über das Geld bestimmst, drohst, handgreiflich wirst oder (sexuelle) Grenzen überschreitest, dann ist das Gewalt. Oft vermischt sich das eine mit dem anderen.
In manchen Beziehungen kontrollieren und verletzen sich beide. In anderen gibt es ein klares Ungleichgewicht und eine Person übt Gewalt aus. Das betrifft alle Arten von Beziehungen – unabhängig von sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität oder Beziehungsmodell.
Klar ist: Verantwortung trägt immer die Person, die Gewalt anwendet und nicht die, die sie erlebt. Das anzunehmen ist nicht leicht, aber es ist auch eine Chance. Denn du kannst lernen, anders zu handeln. Gewalttätiges Verhalten ist veränderbar.
Vielleicht denkst du «So schlimm ist das doch nicht» oder fragst dich «Darf ich jetzt nicht mal mehr wütend sein?». Klar, Konflikte gehören dazu. Das macht eine Beziehung nicht automatisch ungesund. In der Wut steckt auch viel Energie, wenn du sie sinnvoll nutzt. Aber wenn Grenzen immer wieder überschritten werden, das eigene Verhalten Angst auslöst und verletzt, geht es nicht mehr um Konflikte – sondern um Gewalt. Und die entwickelt sich häufig schrittweise. Wir zeigen dir wie.
Einstellungen und Überzeugungen
Wie du denkst, beeinflusst, wie du handelst.
Bevor verletzendes Verhalten sichtbar wird, beginnt es im Kopf – in den Gedanken, Überzeugungen und Vorstellungen. Wer glaubt, immer im Recht sein zu müssen, wer die Gefühle, Bedürfnisse oder Meinungen anderer nicht ernst nimmt, oder denkt, eine Beziehung müsse nach den eigenen Regeln laufen, schafft einen Nährboden für Grenzverletzungen und Gewalt.
Solche Überzeugungen entstehen nicht von heute auf morgen. Oft prägen sie sich früh ein, auch weil viele tief in unserer Gesellschaft verankert sind. Mehr dazu hier [Link: Faktoren und Hintergründe]
Aber: Jede Einstellung lässt sich hinterfragen – und genau das kann guttun. Denn viele sind mit Erwartungen verbunden, wie dem Druck, immer stark zu sein oder bestimmte Rollen zu erfüllen. Gerade Männer halten oft an Vorstellungen fest, die Härte verlangen und sie darin einschränken, Gefühle zu zeigen oder Hilfe anzunehmen.
Es lohnt sich, hinzuschauen: Welche Überzeugungen bestimmen, wie du handelst?
Emotionale Gewalt
Viele verbinden Gewalt mit Schlägen und körperlichen Verletzungen. Doch Gewalt beginnt schon vorher, nämlich mit emotionaler Gewalt (auch: psychische Gewalt). Sie wird aber oft nicht als Gewalt gesehen, gerade weil sie keine blauen Flecken hinterlässt. Die Folgen können aber genauso schwer und langanhaltend sein.
Beispiele sind etwa:
- Abwertungen: Häufige Beschimpfungen oder Demütigungen, die das Selbstvertrauen deiner Partnerin oder deines Partners verletzen.
- Kontrolle: Immer wissen wollen, wo sich die andere Person aufhält, was sie tut und mit wem sie sich trifft. Auch heimlich Nachrichten lesen.
- Eifersucht: Jeden Kontakt mit anderen als Bedrohung ansehen und einschränken, besonders zum anderen Geschlecht.
- Digitale Überwachung: Handy oder Laptops durchsuchen, Passwörter verlangen, den Standort verfolgen oder Überwachungssoftware nutzen.
- Isolation: Die Partnerin oder den Partner von Freund:innen und Familie fernhalten, um die ganze Aufmerksamkeit zu bekommen.
- Emotionale Erpressung: Schuldgefühle wecken oder die andere Person unter Druck setzen, um bestimmte Ziele zu erreichen.
- Stalking: Häufig nach einer Trennung. Der Ex-Partnerin oder dem Ex-Partner ständig schreiben, sie online und offline überwachen, ihr/ihm nachstellen oder auflauern.
Vielleicht erkennst du dich in manchen Punkten wieder. Manche greifen zu Gewalt aus eigener Unsicherheit, Überforderung, Angst oder weil sie meinen, die Kontrolle zu verlieren. Das entschuldigt nicht – aber es ist nie zu spät, etwas zu ändern!
Drohungen und Sachbeschädigungen
Drohungen und das Zerstören von Dingen sind Formen von Gewalt. Auch Androhungen, dir selbst etwas anzutun, gehören dazu. Drohungen und Sachbeschädigungen sind nicht nur falsch, sondern auch strafbar [Link: Rechtliche Lage].
Oft wird gedroht, um Druck auszuüben – um die andere Person zu kontrollieren, sie einzuschüchtern oder zu etwas zu bewegen. Vor allem bei Trennungen kommt es häufig zu Drohungen, gegen sich selbst oder gegen die Partnerin, den Partner. Viele sehen darin den einzigen Ausweg, mit Angst, Wut und dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, umzugehen.
Es ist klar, dass das nicht der richtige Weg ist – und du weisst das auch. Es gibt Unterstützung – hier erfährst du mehr.
Körperliche Gewalt
Schläge, Tritte, Würgen, Stossen, an den Haaren ziehen, an die Wand drücken, mit Gegenständen verletzen – all das ist körperliche Gewalt. Auch wenn du sie kleinredest, als «Ausrutscher» darstellst oder mit Stress, Eifersucht oder Alkohol herunterspielst: Gewalt bleibt Gewalt – und sie ist niemals akzeptabel.
Die Folgen für Betroffene sind schwer. Solche Handlungen können Leben zerstören – und rechtliche Folgen [Link: Rechtliche Lage] haben.
Gewalt hat keinen Platz in Beziehungen. Veränderung ist möglich – aber sie beginnt bei dir.
Sexualisierte Gewalt
Sexualisierte Gewalt fängt dort an, wo die Grenzen und Wünsche der anderen Person nicht respektiert werden: Ungewollte Berührungen, zu Sex zwingen, jemanden zu Nacktfotos drängen oder heimlich intime Aufnahmen machen. Auch das Zeigen sexueller Bilder oder Videos ohne Einwilligung gehört dazu – ebenso wie das Weiterleiten.
Beim Flirten, Dating, in Beziehungen und überall dazwischen ist es sehr wichtig, die Grenzen und Wünsche der anderen Person zu respektieren. Möchten wir das gleiche? Oder dränge ich ihr/ihm etwas auf und denke vor allem an mich? Wenn du Bedürfnisse und Grenzen ignorierst – egal ob aus Gewohnheit, weil du eine Machtposition ausnutzt oder emotional Druck machst – ist das sexualisierte Gewalt.
Es gibt kein Anrecht auf Sex oder sexuelle Handlungen. Ein «Ja» gestern ist kein Freipass für morgen. Schweigen ist keine Zustimmung. Ein «Nein» ist ein «Nein» und keine Einladung, weiterzumachen.
Sexualisierte Gewalt verletzt tief – oft Jahre, manchmal ein Leben lang. Sie kann auch rechtliche Folgen [Link: Rechtliche Lage] haben.
Echte Nähe und Verbindung entstehen nicht durch Druck und Gewalt, sondern durch Respekt und Konsens. Es lohnt sich, sein Verhalten selbstkritisch zu hinterfragen.
Tötung oder Tötungsversuch
So kann Gewalt enden. Kontrolle, Abwertungen, Drohungen oder Schläge – mit der Zeit kann sich das immer mehr steigern. Im schlimmsten Fall wird ein Mensch getötet oder überlebt nur knapp.
In der Schweiz kommt es jede Woche zu einem Tötungsversuch in engen Beziehungen, und etwa alle zwei Wochen wird jemand von einem/einer (Ex-)Partner:in oder Familienmitglied getötet. Dabei sagt die Statistik ganz klar: Die meisten Opfer sind Frauen, die meisten Täter Männer.
Was du bis hier gelesen hast, zeigt: Eine solche Tat ist die Spitze des Eisbergs. Oft liegen Monate oder Jahre von Gewalt und Kontrolle dahinter.
So weit darf es nicht kommen.