Niemand wird gewalttätig geboren. Gewalt entsteht über Zeit – zum Beispiel aus innerem Druck, alten Verletzungen, erlernten Rollenbildern. Oft beginnt Gewalt schleichend: Du wirst laut, beleidigst, kontrollierst und willst bestimmen, wie die Dinge laufen – vielleicht auch mit körperlicher Gewalt.
Viele spüren, dass etwas nicht stimmt, können ihre Reaktionen aber nicht nachvollziehen. Sie wollen gute Partner:innen oder Eltern sein. Und trotzdem fallen sie in das gleiche Verhalten zurück – und der Kreislauf [Link: Gewaltkreislauf] wiederholt sich.
Es gibt verschiedene Faktoren, die Gewalt verstärken oder sogar den Nährboden für gewalttätiges Handeln sind. Vielleicht hast du selbst Gewalt erlebt, vielleicht hast du gelernt, dass du keine Schwäche zeigen darfst, vielleicht willst du einfach «die Kontrolle behalten». Was auch immer es ist, es lohnt sich, hinzusehen.
Hier zeigen wir dir, was gewalttätiges Verhalten in Beziehungen begünstigen kann. Es geht nicht darum, Gewalt zu entschuldigen, sondern zu verstehen, wo du ansetzen, Verantwortung übernehmen und dein Verhalten verändern kannst.
Rollenbilder
Um die Welt besser zu verstehen, teilen wir sie ein: In Kategorien, Muster, Schubladen. Das hilft uns, uns zurechtzufinden – im Alltag, im Umgang mit anderen und mit uns selbst. Doch solche Vereinfachungen blenden aus, wie vielfältig das Leben wirklich ist. Rollenbilder sind ein gutes Beispiel dafür.
Schon in der Kindheit bekommen wir mit, wie jemand «sein sollte» – zum Beispiel als Mann oder als Frau. Ein «echter Mann» ist stark, kontrolliert und zeigt keine Schwäche. Eine «richtige Frau» ist freundlich, fürsorglich und für andere da. Diese Bilder beeinflussen unser Verhalten – oft auch unbewusst.
Die Realität zeigt: Gerade enge Vorstellungen von Männlichkeit können zu Gewalt führen – und diese Gewalt richtet sich oft gegen Frauen. Wenn «Mann sein» heisst, möglichst keine Schwächen zu zeigen, Gefühle zu unterdrücken und immer alles «im Griff zu haben», kann das dazu führen, Probleme mit Gewalt zu lösen.
Vieles wird uns heute auch vorgelebt: In den sozialen Medien sehen wir Männlichkeitsbilder, die laut, aggressiv und dominant sind. Sie versprechen Stärke, Erfolg und Kontrolle. Gefühle zeigen? Lieber nicht. Verletzlich sein? Auf keinen Fall. Das wirkt im ersten Moment vielleicht attraktiv, vor allem wenn du dich unsicher oder überfordert fühlst. Dann kann es verlockend sein, dich an solchen Rollenbildern zu orientieren – selbst, wenn sie anderen und dir selbst schaden.
Aber: Niemand kann keine Gefühle haben. Was wir verdrängen, sucht sich andere Wege. Etwa in Form von Aggression, Abwertung oder Gewalt. Um dem etwas entgegenzusetzen, reicht es oft nicht, nur etwas verändern zu wollen. Es braucht Übung, überhaupt zu spüren und zu erkennen, was in dir vorgeht. Dieser Zugang muss oft erst (wieder) gefunden werden. Du kannst nach und nach selbst bestimmen, wie du mit deinen Gefühlen umgehst. Darum ist es wichtig, Alternativen zu kennen und früh eigene Grenzen zu setzen – und zwar: «Bis hierhin und nicht weiter».
Wenn dich eine Situation überfordern oder wütend macht, hilft es, Alternativen bereit zu haben. Überlege dir vorher, wie du reagieren willst, damit du später nichts bereust. Statt Gewalt anzuwenden, kannst du aktiv «Stopp» sagen und den Raum verlassen, tief durchatmen, nach draussen gehen, Musik hören oder dich bewegen. Alles, was dir Abstand gibt und deine Gedanken klärt, kann ein erster Schritt sein.
Einstellungen
Wie wir denken – unsere Überzeugungen, Haltungen und Werte beeinflussen unsere Beziehungen. Es lohnt sich die eigenen Einstellungen kritisch zu hinterfragen. Was ist deine Vorstellung von einer guten Beziehung? Von Nähe? Wie denkst du über Frauen und wie über Männer?
Wenn du zum Beispiel gelernt hast, dass du mehr wert bist oder das Sagen haben musst, entsteht schnell ein Ungleichgewicht in Beziehungen. In unserer Gesellschaft wird oft Männern Stärke und Überlegenheit zugeschrieben. Diese Bilder sitzen tief, werten andere ab – vor allem alles, was als «weiblich» gilt – und schaffen so eine Grundlage für Gewalt.
Dieses Gefühl «besser zu sein», besonders auch gegenüber Frauen, zeigt sich nicht immer offensichtlich. Abwertende Bemerkungen, sexistische Witze oder verächtliche Kommentare über Aussehen oder Kleidung. Solche Aussagen wirken auf den ersten Blick vielleicht harmlos. Sind sie aber nicht, denn sie schaffen ein Klima, in dem Abwertungen, Grenzüberschreitungen und Gewalt akzeptiert werden.
Der Weg vom sexistischen Witz zur Kontrolle, von Überlegenheitsgefühlen zur Abwertung oder zum Faustschlag ist oft kürzer, als man denkt. Was mit Worten beginnt, kann sich steigern [Link: Formen von Gewalt].
Beziehungen zu führen, bedeutet nicht, sich über jemanden zu stellen. Wenn du deine Partnerin kontrollierst, sie abwertest oder klein machst, verletzt du sie und du zerstörst auch das, was Nähe und Vertrauen möglich macht. Denn das ist nur auf Augenhöhe möglich.
Persönliche Erfahrungen
Was du erlebt hast, wie du aufgewachsen bist und wie deine Bezugspersonen mit dir umgegangen sind. All das prägt dich und beeinflusst, wie du heute Beziehungen führst, mit Konflikten umgehst und was du von dir selbst und anderen erwartest.
Wenn du in der Vergangenheit selbst Gewalt erlebt hast – körperliche, emotionale oder sexualisierte Gewalt – oder du Zeug:in von Gewalt warst, hinterlässt das tiefe Spuren. Manchmal ist es schwierig, einen anderen Weg zu gehen als den, den man selbst erlebt hat. Aber es ist möglich.
Es ist wichtig, dass du darüber sprichst, was dich geprägt hat und dir Hilfe suchst [Link: Hilfsangebote]. Deine Partnerin oder dein Partner sollte wissen, was du erlebt hast – nicht als Entschuldigung, sondern als Teil deiner Verantwortung. Indem du über deine Erfahrungen sprichst, kannst du verhindern, dass du sie wiederholst. Deine Vergangenheit prägt dich, aber sie kontrolliert dich nicht. Ein Umlernen ist immer möglich.
Substanzkonsum und Kontrollverlust
Alkohol oder andere Drogen können aggressives Verhalten verstärken. Sie enthemmen dich, machen dich impulsiver, lauter und manchmal auch gewalttätig. Aber sie entschuldigen nie dein Verhalten. Die Verantwortung für dein Handeln bleibt immer bei dir.
Vielleicht kennst du das Gefühl, wenn der Rausch übernimmt. Wenn dein Körper reagiert, bevor du nachdenken kannst. Wenn du schreist, Dinge sagst oder tust, die du später nicht mehr einordnen kannst, oder nicht mehr rückgängig machen kannst.
Der Moment, in dem du die Kontrolle verlierst, ist nicht der Anfang, sondern das Ergebnis einer langen Kette. Wenn du merkst, dass du unter Einfluss regelmässig ausrastest, Personen verletzt, verbal oder körperlich, dann ist das ein Warnzeichen. Auch wenn es sich im Moment nicht so anfühlt: Du kannst dich jederzeit entscheiden, hinzuschauen. Hinterfrage deinen Konsum. Finde heraus, wann und warum du trinkst oder konsumierst. Denn nur du kannst verhindern, dass du anderen oder dir selbst schadest. Hier findest du Hilfsangebote: [Link: Hilfsangebote]